Rundbriefaktion des BCG vom 16.04.2016

Liebe Mitstreiterrinnen und Mitstreiter,

Den nachfolgenden offenen Brief von Michael Rosenberg übersenden wir Euch zur Kenntnisnahme.

Dieser Brief gibt auch die Meinung des BCG wieder.

Der offene Brief ist als PDF-Datei im Anhang dieser E-Mail enthalten.

Dem offenen Brief von Michael Rosenberg legen wir eine Stellungnahme der Firma Grünenthal zum Prozess der spanischen Conterganopfer gegen Grünenthal vom 20. Dezember 2013 bei.

Aus dieser Stellungnahme geht hervor, dass Grünenthal Ihre Argumentation in diesem Prozess gegen die spanischen Conterganopfer darauf aufbaute, dass die spanischen Conterganopfer anstatt einer hohen Entschädigung von Grünenthal doch lieber Leistungen der Conterganstiftung oder der Härtefall-Stiftung von Grünenthal annehmen sollten.

Dabei verweist Grünenthal darauf, dass Grünenthal mit ihrer Härtefall-Stiftung nicht nur in Deutschland lebende Thalidomid-Betroffene unterstütze. Diese Leistungen könnten auch die spanischen Betroffenen bekommen.

Damit haben wir den Beweis, dass die Härtefall-Stiftung von Grünenthal nur dazu diente, im Ausland Schadensersatzansprüche gegen Grünenthal abzuwenden.

Zudem wurden damit alle Betroffenen, welche die Härtefall-Stiftung von Grünenthal in ihrer Not in Anspruch genommen haben, dazu missbraucht, die scheinbare Legitimation und die gleichzeitig angeblichen Vorzüge der Härtefall-Stiftung von Grünenthal gegenüber der für Grünenthal um ein Vielfaches teuereren Schadensersatzansprüche hervorzuheben.

Wie jeder weiß, ist der Prozess der spanischen Conterganopfer von Grünenthal gewonnen worden. Damit hat sich jedes Thalidomidopfer, dass die Härtefall-Stiftung von Grünenthal in Anspruch genommen hat, unfreiwillig und unwissentlich zum Handlanger der Machenschaften der Firma Grünenthal gemacht.

Dies dürfte auch für entsprechende Verbände gelten, die von dem Futtertrog der Firma Grünenthal genährt wurden.


Herzliche Grüße

Euer

Andreas Meyer


Stellungnahme_Gruenenthal_Gruppe_20.12.2013.pdf (87kB)

Offener Brief

an die
Referenten und Teilnehmer der
Abschlussveranstaltung zum
Forschungsbericht „Gesundheitsschäden,
psychosoziale Beeinträchtigungen und Versorgungsbedarf von Contergangeschädigten Menschen aus NRW
in der Langzeitperspektive“ und begleitendes Peer-to-Peer-Projekt von 2011-2013 in NRW

12.04.2016

Offener_Brief_M_Rosenberg_12_04_2016.pdf (95kB)


Michael Rosenberg
Büro: Stolberger Str. 2
50933 Köln
0221 - 540 20 -178


Offener Brief

Köln, d. 12.04.2016

an die

Referenten und Teilnehmer der
Abschlussveranstaltung zum Forschungsbericht
„Gesundheitsschäden, psychosoziale Beeinträchtigungen
und Versorgungsbedarf von Contergangeschädigten
Menschen aus NRW in der Langzeitperspektive“ und
begleitendes Peer-to-Peer-Projekt von 2011-2013 in NRW



Veranstaltung am 09. April 2016 im Hilton Hotel am Dom, Köln


Sehr geehrte Damen und Herren,

die Würdigung und Bewertung einer Veranstaltung, wie wir sie gemeinsam am 09.04.2016 im Hilton Hotel erlebt haben, ist oft nur mit einer gewissen zeitlichen Distanz und Nachwirkungsphase möglich, aber auch wichtig.

Ich möchte Ihnen im Nachgang meine Eindrücke schildern und auf einige sehr relevante Aspekte im Zusammenhang mit dem Contergan-Skandal hinweisen.

Vorab darf ich sagen, dass die medizinischen Vorträge sehr aufschlussreich waren. Insbesondere die neuen Aspekte, die von Herrn Prof. Dr. med. Christian Albus in das Gesamtthema eingebracht wurden, zeigen eine neue Dimension und Tragweite in der Geschichte der Contergangeschädigten auf.

In dieser ganzen, mittlerweile über ein halbes Jahrhundert andauernden Geschichte der Conterganopfer, gab es stets Kämpfe um Begriffe, Kontexte und Deutungshoheiten. Es galt, die Propagandamaschine der Firma Grünenthal und der Familie Wirtz zumindest einigermaßen im Zaum zu halten. Mehr denn je investiert Grünenthal heute Geld und Personal im Bereich solcher Kampagnen und Unterwanderungen. Und nach wie vor geht es Grünenthal darum, sich der Zahlung einer gerechten Entschädigung zu entziehen.

Ich spreche fünf Themen an, die bei der Veranstaltung eine Rolle gespielt haben und nachfolgend jeweils durch eine Überschrift gekennzeichnet erkennbar sind:


Wortbeitrag Frau Ruprecht

Ich möchte an dieser Stelle auf den Wortbeitrag von Frau Ruprecht eingehen, und die für den Wortbeitrag zu Grunde liegende Sachlage verdeutlichen. Natürlich hat Frau Ruprecht Recht, wenn sie sagt, dass eine Conterganrente über 7.000,- € im Monat eine gute Sache ist, die u.a. durch ihr Mitwirken erreicht wurde. Und natürlich kann ich verstehen, dass sie es fast schon als Undank - das Wort hat sie nicht benutzt - empfindet, wenn die Opfer nun weitere Forderungen stellen und mit der Sachbearbeitung von Anträgen zu spezifischen Bedarfen unzufrieden sind. Aber dies spiegelt leider nur die Sicht aus der Sachbearbeitung wieder, die sich erst ein paar Jahre mit dem Thema befasst.

Der gesamte Kontext aus der Geschichte des Conterganskandals fehlt.

Ich möchte an dieser Stelle nicht, vermutlich sind Sie mir dankbar dafür, den gesamten Skandal in seiner epischen Breite rekapitulieren. Aber ich möchte ein oder zwei Schaltstellen aufzeigen, um Verständnis dafür auszulösen, dass die Conterganopfer auch heute noch nicht zufrieden sein können.

Bereits vor gut 40 Jahren zum Zeitpunkt der Strafverfahren gegen Grünenthal war man sich einig, dass der ausgelöste Schaden in die Milliarden geht. (Das die Familie Wirtz Nazi-Schwerverbrecher unter ihren Schutz genommen hatte, die das Gift mischten, wird an dieser Stelle nicht vertieft)

Der Staat hatte damals die Wahl, wen er schützen wollte und hatte sich dafür entschieden, die Interessen und das Vermögen der Millionäre Wirtz zu schützen. (Warum auch immer...) Im Gegenzug wollte der Staat sich dann um die Opfer kümmern. Nachdem der Schutzschild für Grünenthal installiert war, hierzu gehörte als Instrument auch die Stiftung für die Conterganopfer, wurden die Geschädigten über mehr als 40 Jahre ihrem Schicksal überlassen.

Hätte der Staat sich seinerzeit für den Schutz der Opfer eingesetzt und Entschädigungen in Milliardenhöhe organisiert, wäre die gesamte Geschichte anders verlaufen. Die Conterganopfer hätten sämtlich ein finanziell gut abgesichertes Leben führen können, Vermögen bilden und sogar etwas vererben können.

Wenn man also eine gerechte Entschädigung an den Anfang der Geschichte setzt und eine sich hieraus ergebende Verzinsung und Vermögensbildung annimmt, dann kann es doch nicht verwundern, dass z.B. für einen Geschädigten ohne Arme und Beine eine mit über 40 Jahren Verspätung einsetzende ratierliche, nicht vererbbare Entschädigungszahlung in Höhe von ca. 7.000,-€ im Monat nur mäßigen Jubel und Dankbarkeit auslöst.

Das reine Werben um Verständnis für die Sachbearbeitung in der Stiftung ist daher vor einem solch großen Auditorium nicht angemessen und verzerrt die wahre Geschichte.


Peer-to-Peer

Es stand in all den Jahren immer die Frage im Raum, wie groß der Einfluss von Grünenthal auf die Opferverbände und deren Aktivitäten ist. Dies heute mehr denn je.

Und es muss doch als extrem merkwürdig empfunden werden, wenn sich der die Veranstaltung organisierende Landesverband (Interessenverband Contergangeschädigter Nordrhein-Westfalen e.V.) bis heute weigert, auf seiner Internetseite die Liste der Förderer zu vervollständigen. So stehen dort etliche Firmen und Institutionen aufgelistet, die den Verein unterstützen. Der Hauptfinanzier, der das Peer-to-Peer-Projekt über weite Strecken komplett allein finanziert, fehlt aber.

Warum muss verschwiegen werden, dass Grünenthal dieses Projekt finanziert? Wurde dem Vorstand des Verbandes ein Maulkorb verhängt? Ist dies der Grund dafür, dass auf der gesamten Veranstaltung nicht ein einziges Mal das Wort Grünenthal benutzt wurde?


Pioniere

Herr Prof. Dr. med. Knichwitz, der die Veranstaltung professionell moderierte, brachte im letzten Drittel der Veranstaltung den Begriff „Pioniere“ in den Raum. Conterganopfer als Pioniere. Und ähnlich Momenten in einer Verkaufsveranstaltung sollten sich die anwesenden Opfer auch weiter für die Rolle als Pioniere bekennen. Ich halte diesen Begriff für extrem problematisch. Denn Pioniere für was? Für das Austesten von Leidensfähigkeitsgrenzen? Für ein Jahrzehnte langes Leben an der Armutsgrenze? Für den Verlust der körperlichen Unversehrtheit ohne Ausgleich der entstandenen Nachteile?

Hinzu kommt, dass ein Pionier sich in der Regel freiwillig dafür entscheidet ein Pionier zu sein. Im schlimmsten Fall im militärischen Sinne, um dann tot oder als Veteran wieder nach Hause zu kehren. Oder er ist wie die Conterganopfer nicht freiwillig dabei und wird zu Kanonenfutter. Keine schöne Vorstellung.

In unserem Fall beginnen die Geschichten im Mutterleib. Wir wurden bereits als Embryos angegriffen, und hatten keine Möglichkeit zur Gegenwehr. (Inwieweit sich hieraus zusätzliche Aspekte für eine Bewertung durch Herrn Prof. Dr. med. Christian Albus ergeben könnten, wäre auch noch interessant.)

Eine Pionierrolle die von den Opfern eingenommen werden könnte wäre die, ein Exempel für eine umfassende Haftung eines Pharma oder Chemiekonzerns zu statuieren. Diese Rolle könnte jederzeit noch gestartet werden und hätte eine enorme Bedeutung für die Weiterentwicklung unserer Demokratie und somit für unsere Gesellschaft.

Davon, dass die Geschädigten Schmerzen haben, hat die Allgemeinheit wenig. Und dadurch, dass wir Mengen an Untersuchungsergebnissen zusammen tragen, kann hoffentlich einigen Betroffenen Linderung verschafft werden. In jedem Fall aber profitiert Grünenthal von diesen Informationen. Das Grünenthal stets großes Interesse an den medizinischen Daten hatte, ist ja spätestens durch den Aktenfund der medizinischen Unterlagen der Betroffenen auf drastische Weise deutlich geworden.

Für Grünenthal sind diese Informationen u.a. deshalb wertvoll, weil sie Bestandteil einer Unternehmensbewertung im Hinblick auf eine Veräußerung des Unternehmens sein können.


Demokratie

Auf dieses Stichwort komme ich, da ja auch eine Vertreterin der Landesregierung, Frau Ministerin Barbara Steffens, einen Vortrag gehalten hat und Demokratie die Basis der Organisation unserer gesellschaftlichen Ordnung ist.

Die geschichtliche Aufarbeitung durch das Land NRW wird hier sicher noch interessante Aspekte zu Tage fördern, aber eines kann man schon jetzt. Man kann vergleichen, ob sich zwischen dem Demokratieverständnis der Nachkriegszeit und dem der Gegenwart etwas geändert hat.

Dieser Vergleich ist ernüchternd. Hat doch eine demokratisch organisierte Gesellschaft zum einen zum Ziel, durch Wahlen und Abstimmungen die Richtungen für die Zukunft zu gestalten, so hat sie auf der anderen Seite die Verpflichtung, Minderheiten zu schützen. Aber an dieser Stelle zeigt sich, dass der Schutz von Minderheiten noch völlig unzureichend entwickelt ist und das im Fall der Conterganopfer in extremer Weise noch bis vor einigen Monaten.

Es gibt nur eine Minderheit in Deutschland, die mit aller Kraft und dem vollen Einsatz sämtlicher Regierungen seit dem 2. Weltkrieg massiv unterstützt und stets in vollem Umfang geschützt wird. Es ist die Minderheit der Milliardäre, denen Land und Konzerne gehören und die Haftungsrisiken leicht auf die Allgemeinheit abwälzen können, während ihr enormes Geldvermögen in „Panama“ steuergünstig verwaltet wird.

Der Fall Contergan ist geradezu das Paradebeispiel dafür. Atomkraft, VW Skandal, man kann die Reihe beliebig fortsetzen, lassen das System dahinter erkennen.

Den Contergangeschädigten wurde vor einigen Jahren ein Stück Demokratie angeboten. Per Urwahl konnten zwei Vertreter in den Stiftungsrat gewählt werden, der zusätzlich aus drei weiteren Vertretern der Regierung besteht. Ein unfassbares Lehrstück für Scheindemokratie.

Was soll dabei heraus kommen, wenn z.B. drei Hyänen und zwei Hasen darüber abstimmen, was es am Abend zu essen gibt? Locker könnten die drei Regierungsvertreter aus dem Stand die nächste Weltmeisterschaft im Synchronschwimmen für sich entscheiden. Alle Abstimmungen erfolgen stets synchron und in der Regel gegen die Stimmen der Geschädigten. Mir ist nur ein einziges Mal bekannt, in dem ein Regierungsvertreter mit Enthaltung statt Nein abgestimmt hatte, vermutlich ein Versehen, was direkt ein kostspieliges Rechtsgutachten nach sich zog, um nachzuweisen, dass diese Enthaltung doch wie eine Nein-Stimme zu werten ist.


Fazit und Ausblick

Es ist sicher zu begrüßen, wenn im Hinblick auf die medizinische Versorgung der Conterganopfer, wenn auch mit erheblicher Verspätung, nach optimierten Lösungen gesucht wird, die zeitnah realisiert werden sollen.

Eines aber darf hierbei in keinem Fall geschehen!

Die Projekte dürfen unter keinen Umständen in die Hände der Firma Grünenthal oder deren Eigentümern fallen. Immer hat Grünenthal versucht, das Thema zu besitzen und zu bestimmen, um die Kontrolle zu behalten. Von der Rolle eines Herrn Wartensleben über Jahrzehnte in der Stiftung, Aktenfunden zu den persönlichsten Daten der Opfer in den Kellern von Grünenthal, der bis heute andauernden Verweigerung gegenüber einer gerechten Entschädigung bis hin zur Unterwanderung der Organisationen und Projekte der Opfer (insbesondere des Peer-to-Peer-Projektes, welches mit dem medizinischen Zentrum verknüpft werden soll!), ist das Maß einfach voll.

Und wenn sich die heutigen Politiker von den Machenschaften der Vergangenheit positiv absetzen wollen, haben sie jetzt die Chance dazu.


Weitere Forderungen

Zur allgemeinen Information muss noch gesagt werden, dass der Staat, wenn auch mit über 40 Jahren Verspätung, derzeit versucht, seiner Verantwortung gerechter zu werden und dies durch monatliche Zahlungen umsetzt. Die Forderungen der Opfer nach einer erheblichen Entschädigungszahlung durch Grünenthal, ist aber weiter offen. Der entwürdigende Grünenthal-Fonds und die diversen Häppchen, die verteilt werden, ändern hieran nichts. Bis zur finalen großen Zahlung in Höhe von durchschnittlich (Umrechnung gemäß Schadenspunkten) 1 Million Euro pro Opfer, wäre es sicher Image fördernd für Grünenthal, die diversen Splitterzahlungen an die Stiftung zu überweisen, um so eine nachvollziehbare Ausschüttung der Mittel zu organisieren.

Die Aktivisten verschiedener Länder arbeiten weiter daran, dass es zur großen Lösung, also einer gerechten Entschädigung durch Grünenthal kommt. Ein langwieriger Kampf.

Ich möchte meinen Brief mit einem Zitat des Dalai Lama beenden, der zum Kampf zwischen Tibet und China in einem Interview mit Franz Alt gesagt hat: „Manche mögen jetzt denken: Das ist doch David gegen Goliath! Sicher sagt der Tibeter dann: Der Ausgang ist ja bekannt.“


Mit einem positiven Blick in die Zukunft verbleibe ich
mit freundlichen Grüßen


Michael Rosenberg
Teilnehmer der Veranstaltung vom 09.04.2016
und Grünenthal-Opfer





















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